Wenn die Freizeit ruft, muss die Solidarität warten

Die „Systemrelevanten“ sind noch immer im Schatten und brauchen mehr Dankbarkeit.

 

Am 19. November wurde ein Feuerball über Europa gesehen. Kein Zeichen fürchterlicher Götter, die das Ende planen, sondern lediglich ein Meterorit, der – soweit man bisher weiß – keinen Schaden angerichtet hat. Wenigstens hatten die Schlaflosen eine kurzfristige Ablenkung. Der Asteroid Apophis hingegen könnte im Laufe der nächsten 40 bis 50 Jahre die Erde treffen. Der Schaden wäre immens. Genaueres weiß man nicht. Auch hier wird es sich kaum um das Werk zürnender Götter handeln. Eher hat der Zufall die Hände im Spiel.

An jenem Tag, an dem das Corona-Virus von einem Tier auf einen Menschen sprang, dürfte auch der Zufall sein Unwesen getrieben haben. Der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings in China oder vielmehr der winzige Wanderweg eines noch winzigeren Virus hat die Welt ins Chaos gestürzt. Aber immerhin spielt Donald Trump Golf, statt dem G20-Gipfel beizuwohnen, einfallsreiche Bankräuber nützen leere Geldinstitute zur Vermögensvermehrung und einige Machthaber, darunter ein Friedensnobelpreisträger, beginnen neue Bürgerkriege aufgrund alter Konflikte.

Weder Klatschen, noch Lohnerhöhungen

Für andere Menschen hingegen kann man nur dankbar sein. Dankbar dafür, dass es sie gibt und dass sie in der Pandemie das tun, was sie tun, auf die Art tun, wie sie es tun. Pflegepersonal, Ärztinnen und Ärzte, Reinigungspersonal, LKW-FahrerInnen, Supermarktangestellte; all jene, die in ihrem Beruf besonderer Ansteckungsgefahr oder verstärktem anderen Druck ausgeliefert sind, um dafür zu sorgen, dass der Großteil der Menschen gut durch diese Zeit kommt. Im Frühling wurde für sie geklatscht. Was ist aus ihren Lohnerhöhungen geworden?

In einem ORF-Interview erzählte kürzlich die Leiterin zweier Covid-19-Stationen von ihrem Arbeitsalltag und eingeschränktem Privatleben. Andrea Schmalzbauer heißt sie und ihren Namen sollte man sich ebenso einprägen wie die Namen vieler anderer, die seit Monaten nahezu unbedankt Unglaubliches leisten.

Unbedanktes Heldentum

Als die Krankenschwester gefragt wurde, was sie beim Anblick der Massenanstürme auf Geschäfte vor dem zweiten Lockdown gedacht hatte, wurden ihre Worte deutlich. Befremdet sei sie gewesen und hätte das Gefühl gehabt, ihre Leistungen und die ihrer KollegInnen würden herabgewürdigt. Sie meinte auch, dass einige dieser Einkäufer bald auf ihrer Station landen werden. Was sie nicht sagte: dass dadurch wieder jene in Gefahr geraten, die sich um das Überleben der Konsumgierigen kümmern.

Wer hingegen nie gefragt wird, wie es ihnen geht, sind jene, die Kunden bedienen oder an der Kassa sitzen, auch mitten in einem Massenansturm. Es sind jene, die häufig weniger Ausbildung haben, weniger verdienen und auch sonst in der Gesellschaft zuwenig beachtet werden. Sie können sich nicht ins Homeoffice zurückziehen. Sie können auch nicht so leicht die Sonne am Berg genießen und in Social Media-Beiträgen davon schwärmen, dass die Natur gerade im Lockdown so guttäte. Man nennt sie neuerdings systemrelevant, doch man kennt ihre Namen nicht und nimmt sie nur im Vorbeigehen wahr, es sei denn, man braucht etwas.

Freizeit und Ablenkung versus Solidarität

Dankbarkeit scheint eine komplizierte Sache zu sein. Die nunmehr systemrelevant genannten Menschen werden viel Solidarität brauchen, damit sie mehr Anerkennung und mehr Gehalt erhalten. Ihre eigene Lobby scheint dafür zu schwach oder zu desinteressiert. Dabei zeigt nur ein kleiner Blick in einen Supermarkt, ein Pflegeheim oder ein Krankenhaus, dass die Systemrelevanz nicht nur ein hässliches Wort, sondern auch massiv unterbezahlt ist.

Die Solidarität aber lässt auf sich warten, denn derweil gehen die einen weiterhin zur Erholung in die Sonne, andere bauen optimistisch Christkindlmärkte auf, um sich abzulenken, zu viele kaufen bei Amazon und wieder andere decken sich mit Munition, Alkohol und Zigaretten ein. Das darf man. Nur das mit dem geistigen Futter wird schwierig. Bücher waren schon immer gefährlicher als Gewehre.

Und ein Ökonom spricht vom „Biest“ Kapitalismus

Vielleicht sollte man vorschlagen, dass Buchhändler ihre Bücher bei Waffenhändlern abholen lassen. Die Bäcker könnten Ausstellungen organisieren. In Banken könnte Theater gespielt werden und die Absurdität der Unterscheidung von systemrelevant oder nicht, würde bald bewusster werden. Zu denken geben sollte allerdings, wenn selbst Wirtschaftswissenschafter, wie der 2015 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Angus Deaton, dazu aufrufen, dass man endlich mehr Geld in Bildung stecken solle und dass man das System Kapitalismus, er nennt es tatsächlich „Biest“, zähmen muss, damit die Ungleichheit in der Gesellschaft zurückgeht.

 

Zunächst erschienen auf: Dolomitenstadt