Wer nicht für mich ist, ist gegen mich

Die Angst vor anderen Meinungen schadet der Vielfalt.

 

Ein gemütlicher Abend vor dem Fernseher oder – nach dem Lockdown endlich wieder – im Kino. Im Bild ein Badezimmer. Alltagstätigkeiten. Schnitt und neues Bild: ein weißer Duschvorhang und das Geräusch einer Brause. Schnitt. Die Kamera zoomt zum im Abfluss verschwindenden Rinnsal. Darübergelegt: eindringliche Musik. Wer würde bei solch einer Szene nicht sofort an Alfred Hitchcocks Psycho denken? Der Film ist 60 Jahre alt – und der Suspense funktioniert nach wie vor. Das ist es, was einen guten Film ausmacht, nicht nur einen Thriller.

Wenig erstaunlich, dass dies auch im realen Leben funktioniert. Die spannendsten und erinnerungswürdigsten Begegnungen sind selten jene, die genauso stattgefunden haben, wie man es erwartet hatte. Die schönsten Gespräche basieren selten auf vollkommen identischen Meinungen und die Orte, an denen man sich am wohlsten fühlt, wirken nahezu nie perfekt gestylt. Es ist das Überraschende, das anzieht. Gute KöchInnen wissen das. Manchmal ist es eine kleine Irritation, die für Unvergessliches oder für Wohlbefinden sorgt.

Gewalt statt Argumenten

All das weiß jede/r. Und doch wird seit jeher voller Inbrunst und mit Gewalt versucht, anderen die eigene Meinung aufzudrängen. Als ob Konformität die Welt besser machen könnte. In den sogenannten sozialen Medien umgeben sich die User am liebsten mit Gleichgesinnten und genießen das Blasendasein. Auf der Straße findet jede Demonstration ihre Gegendemonstration und wenn das nicht reicht, um die Meinung anderer verstummen zu lassen, wird zu Diffamierung und Gewalt gegriffen, als wäre das selbstverständlich. Es wird nicht versucht, mit Argumenten zu überzeugen, sondern die eigene Position wird eingepeitscht. In Frankreich starb vor wenigen Tagen ein Busfahrer, weil er Masken und bezahlte Fahrscheine verlangt hatte. Die betroffenen Passagiere prügelten ihre Meinung auf ihn ein, bis er zusammenbrach.

So ersetzt Wut zunehmend die Logik der Kommunikation. Auch manche PolitikerInnen sind für ihre Schreianfälle bekannt – ein klassisches Zeichen der Angst. Niederschreien muss man nur, wen man mit Argumenten nicht umstimmen oder besiegen kann. Es wirkt als Zeichen des Kontrollverlustes. Dabei ist es gleichgültig, ob jemand in einem Parlament, einem Amtszimmer, zuhause oder auf Facebook, Tik Tok oder Whatsapp schreit. Immer geht es um die Auslöschung einer anderen, unbequemen Meinung, indem man selbst lauter und (gewalt)tätiger wirkt.

Die Suche nach der alleinigen Wahrheit

Naturgemäß fühlen sich in solch einem Wettstreit beide Seiten moralisch überlegen. Sehr deutlich sieht man dies an der Diskussion um Rassismus oder auch in der Debatte um eine potentielle Impfung gegen Covid-19. Letztere ist in weiter Ferne, doch vorsichtshalber erklären sich Befürworter wie Gegner schon jetzt ausführlich, äußerst emotional und immer mit moralischen Argumenten, warum die eigene Wahrheit die einzig richtige sein muss. Eine offene Diskussion ist nicht möglich. Ein objektiver Blick (auch auf die eigene Einstellung) noch viel weniger.

Dazu gehört der Irrglaube, man müsse zu allem eine valide Meinung haben. Als könnten jede Handlung und jeder Gedanke in falsch und richtig und damit absurderweise in gut und böse eingeteilt werden. Das ist zwar praktisch, weil man auf den ersten Blick weiß, wer Freund und wer Feind ist, doch ist eine solche Einteilung dumm, langweilig und undemokratisch.

Das Ende der großen Erzählungen

Letztlich wird dadurch lediglich ein Dogma gegen ein neues ersetzt. Der französische Philosoph Jean-François Lyotard (1924–1998) schrieb im Jahr 1979, dass die Zeit der großen Erzählungen wie des Fortschritts, der Moderne und der Moral zu Ende sei. Die Vernunft mit all ihren Argumenten und angehäuftem Wissen hielt er für überholt und nutzlos, weil man sich mit ihnen hinter Sprachspielen und Charaden verstecke. Alles sei beliebig geworden, so Lyotard, auch wenn es so aussähe, als würde man sich auf einen gemeinsamen und moralisch ersehnten Zielpunkt zubewegen.

Vierzig Jahre später hat der Text Das postmoderne Wissen (Original: La condition postmoderne) nichts an Aktualität eingebüßt. Gerade in einer Ära der „alternativen Fakten“, Verschwörungslegenden und der moralischen Umbrüche in der Gesellschaft wird leider eine Ideologie gegen eine andere ausgetauscht. Das macht es denkunmöglich, nach neuen und abweichenden Meinungen oder Ideen zu suchen. Einmal mehr gelingt es im Schatten der Debatten den Populisten am besten, von den eigentlich wesentlichen Diskursen abzulenken und ungestraft den einen Teil der Menschen gegen den anderen auszuspielen, um stillschweigend die eigenen Pläne umzusetzen. Die Bevölkerung ist derweil damit beschäftigt, einander gegenseitig Wahrheiten einzutrichtern.

Zunächst erschienen auf: Dolomitenstadt